Norbert  Morciniec

 

Sprachgesetze und Ausnahmen

 

Linguistic laws and exceptions

Summary

In natural languages there are laws holding good for all specimens of a given class ( laws

without exceptions) as well as laws of limited extent which hold true for only some specimens

but not for others ( laws with exceptions). It is necessary to distinguish the laws existing

in a language from the process of establishing and describing them. The article deals with

the dangers run into while discovering linguistic laws on the example of German adjective

inflection.

 

         Sprachgesetze gehören zu dem Wesensmerkmalen einer jeden natürlichen Sprache. Sie bestimmen die Möglichkeiten der Verknüpfbarkeit ihrer Einheiten. Das betrifft sowohl die kleinsten sprachlichen Einheiten, die Phoneme, als auch die Morpheme, Wörter, Wortgruppen und Sätze. Sprachlichen Gesetzen ist zu verdanken, dass natürliche Sprachen ökonomische Systeme sind, in denen mit einer begrenzten Anzahl von Zeichen eine unbegrenzte Anzahl von Informationen ausgedrückt werden kann. Um dies zu veranschaulichen, genügt es, zwei Wörter miteinander zu verbinden, etwa die Wörter  Tisch  und  Tuch, um ein neues Wort Tischtuch zu erhalten, ein Gefüge mit einer neuen Bedeutung. Gäbe es in der deutschen Sprache kein Gesetz der determinativen Wortzusammensetzung, dann müsste für den Begriff „Tischtuch“ ein besonderes einfaches Wort bestehen, so etwa wie in der polnischen Sprache das Wort obrus besteht, dessen Bedeutung dem deutschen Gefüge Tischtuch entspricht.

            Die Gesamtheit aller sprachlichen Gesetze nennt man bekanntlich Grammatik. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Sprachgesetze in der Sprache existieren,  unabhängig davon, ob sie der Mensch erkennt oder nicht. Davon zu unterscheiden ist die Beschreibung der Gesetze, ihre sprachliche Formulierung. Ein Sprachgesetz ist nicht ein Satz, der beschreibt, wie sprachliche Tatsachen sich verhalten, sondern die Tatsache selbst, die durch diesen Satz beschrieben wird. Nur in diesem Sinne wird der Begriff „Gesetz“ in den Naturwissenschaften verstanden. Wir sagen mit Recht, dass Archimedes das archimedische Gesetz entdeckt hat, nicht dass er es beschrieben hat. Diese Unterscheidung ist auch in der Linguistik wichtig, da ein Satz, der ein sprachliches Gesetz beschreibt, wahr oder falsch sein kann, je nachdem, ob das Gesetz, das dieser Satz beschreibt, in der beschriebenen Weise in der Sprache existiert oder nicht existiert.

            Es besteht ein gravierender Unterschied zwischen Gesetzen der Naturwissenschaften und sprachlichen Gesetzen. Die von den Naturwissenschaften entdeckten Gesetze gelten für alle Erscheinungen derselben Art immer und überall. Sie beruhen nicht auf gesellschaftlicher Übereinkunft, sind also nicht konventioneller Art. Sprachgesetze dagegen haben keine ab­solute Gültigkeit, sie sind Bestandteil eines konventionellen semantischen Systems. So wie die Beziehungen zwischen sprachlicher Form und Bedeutung auf gesellschaftlichem Usus beruhen, so sind auch die sprachlichen Gesetze konventioneller Art, nicht naturgegeben, also im Prinzip nicht immer und überall gültig. Sprachgesetze gelten nur in zeitlicher und räumlicher Begrenzung. Ja selbst in einer konkreten Sprache zu einer gegebenen Zeit kann man beobachten, dass ein Sprachgesetz nicht für alle Exemplare einer Erscheinungsklasse Gültigkeit hat.

            Aus diesem Tatbestand ergibt sich die wichtige Erkenntnis, dass Sprachgesetze Ausnahmen haben können. Das ist eine notwendige Folge dessen, dass Sprachen konventionelle semantische Systeme sind, in denen die Beziehungen zwischen Informationsträger und Informationswert, zwischen Form und Bedeutung, gesellschaftlich bedingt sind. Wenn dem so ist, dann entsteht die Frage, ob Gesetze, die Ausnahmen zulassen, noch Gesetze genannt werden können. Streng genommen sollten als Gesetze nur kategoriale Zusammenhänge bezeichnet werden, das heißt solche, die für alle Exemplare einer Klasse gelten. In der Sprache lassen sich aber auch Gesetzmäßigkeiten erkennen, die zwar für eine große Anzahl von Exemplaren einer Klasse zutreffen, für manche aber keine Gültigkeit haben, und auch diese Erscheinungen werden  Sprachgesetze genannt. So gibt es z. B. in der deutschen Wortbildung das sprachliche Gesetz der Nominalkomposition, welches besagt, dass die Bedeutung der Zusammensetzung der Bedeutung des zweiten Bestandgliedes gleichkommt, bestimmt durch die Bedeutung des ersten Gliedes: Herrenschuh, Damenschuh, Lederschuh, Sportschuh  sind bestimmte Schuharten, differenziert durch die Bedeutung des jeweilig ersten Gliedes. Ein Handschuh jedoch ist keine Schuhart mehr, und für dieses Beispiel gilt die oben formulierte Gesetzmäßigkeit nicht. Ein Beispiel für die Ausnahme eines polnischen Sprachgesetzes wäre z. B.  die Tatsache, dass Tierbezeichnungen  mit dem Wortbildungssuffix  -ina  Fleischsorten bezeichnen, etwa konina  'Pferdefleisch', gęsina 'Gänsefleisch', wieprzowina Schweinefleisch, wołowina 'Ochsenfleisch, sarnina 'Fleisch vom Reh', usw. Ausnahme: słonina ist kein 'Elefantenfleisch', sondern die Bezeichnung für den Schweinespeck.

            In natürlichen Sprachen gibt es einerseits kategoriale Zusammenhänge, Kookkurrenzbeziehungen sprachlicher Einheiten und daraus resultierende semantische Erscheinungen, die für alle Exemplare einer Klasse gültig sind, andererseits aber relativ kategoriale Zusammenhänge, die für einige Exemplare der Klasse nicht zutreffen. Beide aber sind Sprachgesetze. Die ersten gelten in einer Sprache zu gegebener Zeit ausnahmslos, die zweiten lassen Ausnahmen zu in dem oben erwähnten Sinn. Viele Sprachgesetze sind relativ kategoriale Erscheinungen, also Gesetze mit Ausnahmen.[1]

            Wir haben am Anfang unserer Ausführungen darauf hingewiesen, dass grammatische Gesetze und ihre Beschreibungen zu zwei verschiedenen Existenzbereichen gehören. Erstere existie­ren in der Sprache, die anderen befinden sich im Lehrbuch. Es ist die Aufgabe des Linguisten die Gesetze, die in der Sprache existieren, zu erkennen und sachgemäß zu beschreiben. Das methodische Rüstzeug, das ihm dabei zur Verfügung steht, ist beschränkt und im Prinzip un­zuverlässig. Der einzige Weg zur Erkenntnis grammatischer Gesetzmäßigkeiten beruht auf induktivem Schließen, auf Ableiten von Schlussfolgerungen aus beobachtbaren Einzelfakten. In­duktion bedeutet das Verfahren, von einer gewissen Anzahl von Einzelfällen auf das Allge­meine, das Gesetzmäßige zu schließen. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass wenn sich etwas bei einer Reihe von beobachteten Ereignissen als wahr erweist, dieses sich auch bei allen gleich­artigen Ereignissen als wahr erweisen wird. Das traditionelle Beispiel für diese Art der In­duktion, die in der Logik aufzählende oder auch unvollendete Induktion genannt wird, ist die Hypothese, dass alle Schwäne weiß seien. In der Tat sprachen für diese These zahllose beob­achtete Einzelfälle. Als aber in Australien schwarze Schwäne entdeckt wurden, waren die Einzelfälle, die für die weiße Farbe aller Schwäne sprachen, mit einem Schlag wertlos. Induktion führt nicht automatisch zur Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten. Sie erlaubt nur Hypothesen aufzustellen, Wahrscheinlichkeiten zu erkennen, deren Wert erst durch weitere Verfahren bestätigt werden muss. Der erste beobachtete schwarze Schwan war keine Ausnahme, die die Regel bestätigt, sondern ein Indiz dafür, dass die Regel falsch erkannt wurde. Ausnahmen können keine Regel (kein Gesetz) bestätigen, sie sind im Gegenteil ein Beweis dafür, dass die Regel falsch ist. Exceptio probat regulam lautet die lateinische Version des schlecht übersetzten und gedankenlos wiederholten Satzes: die Ausnahme bestätigt die Regel (auch im Polnischen  wyjątek potwierdza regułę). Lateinisches  probare  bedeutet an erster Stelle „prüfen, probieren“[2]  und daher lautet die einzig richtige Übersetzung der lateinischen Sentenz:  „Die Ausnahme prüft die Regel“, sie prüft, ob die Regel (das Gesetz) richtig erkannt worden ist.

            Ein kritischer Leser könnte an dieser Stelle einwenden, dass hier ein gewisser  Widerspruch besteht. Einerseits wird behauptet, dass es zum Wesen der Sprachgesetze gehört, dass sie Ausnahmen zulassen, und dennoch Gesetze bleiben, andererseits, dass Ausnahmen das hypothetisch erkannte Gesetz falsifizieren. Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Es ist in der Tat so, dass sprachliche Gesetze Ausnahmen zulassen. Das ist eine logische Folge dessen, dass Sprachen - wie bereits erwähnt -  konventionelle semantische Systeme sind. In allen Wissenschaften, die sich mit konventionellen Erscheinungen befassen, gibt es Ausnahmen von der Regel. Davon zu unterscheiden ist aber das induktive Erkenntnisverfahren des Linguisten, der aufgrund von einigen beobachteten Fakten auf eine Gesetzmäßigkeit schließt, die in der Sprache gar nicht vorhanden ist. Wenn er dann Beispiele findet, die dieser vermutlichen Gesetzmäßigkeit widersprechen, so erklärt er sie zu Ausnahmen eines Gesetzes,  das  in der Sprache gar nicht existiert.

            Das Spiel mit Regel und Ausnahme möchte ich anhand der in den meisten deutschen Grammatiken dargestellten Beschreibung der Deklination der Adjektive veranschaulichen. Als repräsentatives Beispiel wähle ich die neueste Auflage der verdienstvollen Deutschen Grammatik für den Ausländerunterricht von Helbig/Buscha[3].

            Da die Deklination der attributiven Adjektive nach verschiedenen Mustern verläuft, glauben die Autoren, eine Gesetzmäßigkeit erkannt zu haben, die darin besteht, dass die Art der Adjektivendungen abhängig ist von der Art des vorausgehenden Artikelwortes. Dieses Abhängigkeitsverhältnis nennen sie das Prinzip der Monoflexion. Dieses Prinzip beruht darauf, „dass die vollen Endungen, die die grammatischen Kategorien des Genus, Numerus und Kasus ausdrücken, stets nur einmal – entweder beim Artikelwort oder beim Adjektiv ‒ erscheinen“ (Helbig/Buscha 2005: 273).

Aus diesem Prinzip werden drei Deklinationstypen abgeleitet:

  1. Deklination nach bestimmtem Artikel (schwache Deklination)
  2. Deklination nach Nullartikel (starke Deklination)
  3. Deklination nach den Artikelwörtern ein (Sing.), kein, mein  (gemischte Deklination)

Die Distributionsregeln für die ausgesonderten Deklinationstypen lauten im Einzelnen:

Regel 1: Wenn das Artikelwort die Merkmale für Genus Numerus und Kasus enthält, wird das Adjektiv schwach dekliniert.

Regel 2: Wenn das Artikelwort nicht die Merkmale für Genus, Numerus und Kasus enthält,                

oder kein Artikelwort vorhanden ist (sog. Nullartikel), übernimmt das Adjektiv die

grammatische Kennzeichnung und folgt der starken Deklination.

Regel 3: Einige Artikelwörter verhalten sich unterschiedlich. Die meisten Formen der Artikelwörter enthalten die Merkmale für Genus, Numerus und Kasus, einige Formen aber (Sing. Nom. aller Genera  und Sing. Akk. Neutr./Fem.) sind endungslos. Im letzteren Fall übernimmt das Adjektiv die grammatische Kennzeichnung, sodass in diesem Deklinationstyp sowohl starke als auch schwache Endungen erscheinen.

            Was bei diesen Formulierungen zuerst einmal verwundert, ist die Tatsache, dass die hier beschriebenen Abhängigkeitsverhältnisse nur auf Artikelwort und Adjektiv beschränkt worden sind, was einer verantwortungslosen Amputation gleichkommt. Adjektive bezeichnen Merkmale, die einen Merkmalträger erfordern. Diesen Merkmalträger aus den Analysen auszuschließen, ist methodisch nicht korrekt. Das normale Syntagma, in dem das attributive Adjektiv vorkommt, ist die Adjektivgruppe. Diese  besteht aber aus Artikelwort (bzw. Nullartikel), Adjektiv und Substantiv. In der Adjektivgruppe aber gilt das Gesetz der Monoflexion nicht, da in den Beispielen (das Buch) des fleißigen Schülers,  (der Bau) des neuen Hauses der Genitiv doppelt bezeichnet ist, durch den Artikel und durch die Endung des Substantivs. Die willkürliche Begrenzung des Relationsgefüges auf Artikelwort und Adjektiv zwingt die Autoren, eine Ausnahme  zur Regel 2  zu formulieren: „Eine Ausnahme stellt der Sing. Gen. Mask./Neutr. dar, wo nicht die kennzeichnende Endung  -s, sondern – wie bei der Adjektivdeklination nach bestimmtem Artikel – die Endung  -n erscheint“[4], (also süß-en Weines, kalt-en Wassers  und nicht süß-es Weines, kalt-es Wassers wie nach Regel 2 zu erwarten wäre). Diese Ausnahme ist für uns ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Gesetzmäßigkeit der Regel 2 schlecht erkannt und falsch formuliert worden ist. Die Ausnahme wird gegenstandslos, wenn man das Beziehungsgefüge nicht auf Artikelwort und Adjektiv beschränkt, sondern von der ganzen Attributivgruppe ausgeht, in der das Substantiv das repräsentative Glied ist. Die Art der Adjektivendung ist nicht nur vom Artikelwort abhängig, sondern auch von der Endung des Substantivs.[5] Es ist ohne Weiteres zu ersehen, dass in den Adjektivgruppen (der Geschmack)  süßen Weines / kalten Getränks der Kasusmarker als Substantivendung vorhanden ist und dass daher das Adjektiv mit schwacher Endung erscheint. Bei Adjektivgruppen mit femininen Substantiven, die im Singular endungslos sind, hat das Adjektiv – wie erwartet – die starke Endung: (heiß-er Suppe).

            Bei einer sachgemäßen Beschreibung der Adjektivdeklination ist es zweckmäßig, in einem ersten Schritt darauf hinzuweisen, dass das Adjektiv in der Attributivgruppe zwei Endungsparadigmen annehmen kann: die starken Endungen (die Endungen des Pronomens  dies-er), die Kasus, Genus und Numerus zum Ausdruck bringen, sowie die schwachen (neutralen) Endungen, die diese grammatischen Kategorien nicht bezeichnen. In einem zweiten Schritt werden dann die Distributionsregeln für beide Endungsparadigmen angegeben, wobei von der ganzen Attributivgruppe auszugehen ist. Die Regeln lauten:[6]

  1. Wird in der Adjektivgruppe Kasus, Genus und Numerus weder am Anfang der Gruppe (beim Artikelwort oder bei Nullartikel) noch am Ende der Gruppe (beim Substantiv) bezeichnet, dann übernimmt das Adjektiv diese Aufgabe und hat starke Endungen.
  2. Wenn dagegen in der Adjektivgruppe Kasus, Genus und Numerus am Anfang der Gruppe oder/und an ihrem Ende bezeichnet ist, so braucht es das Adjektiv nicht zu tun und erhält die schwachen (neutralen) Endungen.

Der glottodidaktische Nutzen solch einer Beschreibung liegt auf der Hand. Anstelle  dreier Deklinationstypen: der starken, schwachen und gemischten Deklination  und einer Ausnahme zur starken Deklination, wird hier der Schüler mit nur einer Regel konfrontiert (die zweite Regel ist nur eine negative Formulierung der ersten), die alle traditionellen Deklinationstypen und ihre Ausnahmen umfasst.

            Zu den Besonderheiten der Adjektivdeklination wäre noch Folgendes zu bemerken. In semantischer Hinsicht unterscheiden sich Adjektive von den Pronomen (Artikelwörtern) u. a. dadurch, dass erstere zu den Nennwörtern gehören (sie "nennen" Eigenschaften), die anderen zu den Zeigwörtern gezählt werden, deren Hauptaufgabe auf dem Hinweisen beruht. Nun gibt es aber auch Wörter, die sowohl Merkmale der Nennwörter als auch der Zeigwörter aufweisen und je nachdem, welche Merkmale überwiegen, werden sie von Muttersprachlern als Adjektive oder als Artikelwörter gewertet. Das hat Folgen für die Deklination der Adjektive, die nach ihnen vorkommen, denn zwei aufeinanderfolgende Adjektive haben dieselben Endungen, nach Artikelwörtern aber folgen Adjektive mit schwachen (neutralen) Endungen. Es handelt sich hier um Wörter, die in den Grammatiken unbestimmte Pronomen oder unbestimmte Zahlwörter genannt werden: einige, etliche, andere, wenige, alle, beide, jeder, welcher, folgende, manche, sämtliche, solche, viele. Da Sprachen sich in stetem Wandel befinden, kann das Sprachgefühl in Bezug auf diese Wörter zu gegebener Zeit erheblich schwanken, so dass sie dann verschieden gewertet werden.  Das führt aber zu Konsequenzen für die Deklination der Adjektive. So gelten z. B. heute alle, beide, jeder, welcher als Artikelwörter, nach denen Adjektive schwach dekliniert werden,  einige, etliche, andere, wenige dagegen als Adjektive, nach denen nachfolgende Adjektive sich nach den Regeln für aufeinanderfolgende Adjektive verhalten.[7] Bei anderen Wörtern dieser Gruppe (folgende, manche, sämtliche, solche, viele)  schwankt aber das Sprachgefühl zwischen Adjektiv und Artikelwort, so dass nach ihnen Adjektive sowohl mit starken als auch mit schwachen Endungen vorkommen. Eine Übersicht über das heutige Verhalten der Adjektive nach den genannten Wörtern ist in der neuesten Ausgabe der Dudengrammatik (2005, S. 969 ff.) zu finden.

            Mit einer versteckten Ausnahme haben wir es auch bei der Steigerung der Adjektive zu tun. Wenn als Regel angenommen wird, dass im Komparativ (auch Höherstufe genannt) ein Mehr der Eigenschaft ausgedrückt wird, die in der Grundstufe genannt wird, dann wären Ausdrücke der Art eine ältere Dame (die jünger ist als eine alte Dame), als Ausnahmen zu betrachten. Dass man dies aber expressis verbis nicht tut, ist wahrscheinlich der Tatsache zu verdanken, dass es sehr viele Beispiele gibt, die sich ähnlich verhalten. Ein paar Beispiele mögen das erläutern. Wenn in meinem Stadtviertel  reichere Leute wohnen, dann sind sie keineswegs reicher als reiche Leute. Wenn ein Kranker behauptet heute geht es mir besser, dann heißt das noch lange nicht, dass es ihm gestern gut ging. Auch in den Äußerungen eine größere Stadt, ein längeres Gespräch, eine kürzere Strecke, höhere Berge, wärmere Tage, neuere Literatur bezeichnet das Adjektiv im Komparativ keine Steigerung des Grundwertes. Das betrifft im Prinzip alle relativen Adjektive, zu denen es antonymische Gegenstücke (Adjektive mit gegensätzlicher Bedeutung) gibt. Und das nicht nur in attributivem Gebrauch[8], sondern auch in prädikativem und adverbiellem Gebrauch. Vergl. Mein Sohn ist heute fleißiger (gestern war er faul), jetzt spricht er langsamer (vor Kurzem sprach er noch schnell).

                Hennig Brinkmann hat bereits darauf hingewiesen[9], dass man diese Erscheinung nicht plausibel erklären kann, wenn man  den Komparativ als Steigerungsstufe auffasst, und nicht – wie das ihr lateinischer Name besagt – als Vergleichsform. Man sollte in der Komparation der Adjektive den Tatsachen gemäß eine Grundstufe, eine Vergleichsstufe und eine Höchststufe unterscheiden:

„Die Höchststufe (der wärmste Tag des Jahres) bedeutet wirklich eine Steigerung. Sie hebt eine Erscheinung aus allen anderen heraus. Bei der Vergleichsstufe aber kommt es nicht auf eine Steigerung des Grundwertes an. Im warmen Sommer wie im kalten Winter können wir sagen  es ist wärmer geworden. Die Vergleichsform ist immer an einem der beiden Pole orientiert, die zum Adjektiv gehören. Das kann der positive (warm) wie der negative Pol (kalt) sein, je nachdem ist der Sinn der Aussage verschieden. Aber gerade das wird oft vergessen, dass die Vergleichsform des Adjektivs auch am entgegengesetzten Pol orientiert sein kann“ (Brinkmann 1966: 213).

 

Es ist in der Tat so, dass die eigentliche Leistung des Komparativs nicht das Steigern ist, sondern das vergleichende Werten. Bei einer sachgemäßen Beschreibung der Komparation  sind Fälle wie die ältere Dame, die jünger ist als eine alte Dame, durchaus als reguläre Erscheinungen aufzufassen.

 

 

Bibliografie

 

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Brinkmann, H. (1966), Die Wortarten im Deutschen. In: Wirkendes Wort, Sammelband I, Sprachwissenschaft, S. 206-220.

Cygan, J. (1971), An anglicist's view of German adjective inflexion. In: Germanica Wratislaviensia XV, S.165-171.                                                                                                                                                                                                                       

Darski, J. (1979), Die Adjektivdeklination im Deutschen. In: Sprachwissenschaft 4, S. 190-205.

Darski, J. (1984), Die pädagogische Aufbereitung der Adjektivdeklination im Deutschen. In:

Studia Germanica Posnaniensia 13, S. 31-44.

Duden. Die Grammatik (2005), 7. völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich.

Heinz, A. (1965), Der Begriff des Sprachgesetzes. In: Biuletyn Polskiego Towarzystwa Językoznawczego,  XXIII, S. 5-22.

Helbig, G. / Buscha J. (2005), Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin, München etc.

Laskowski, R. (1977), Od czego LEPSZY jest lepszy? In: Język Polski LVII, S. 323-334.

Morciniec, N. (1989), Zur Deklination der Adjektive. In: Deutsch als Fremdsprache. 26. Jahrgang, Heft 6, S. 352-354.

Morciniec, N. (2008),  Zu einigen Unzulänglichkeiten in Beschreibungen der deutschen Grammatik. In: Terra grammatica. Ideen - Methoden - Modelle. Festschrift für Józef Darski zum 65. Geburtstag. (Posener Beiträge zur Germanistik, Bd.18), Frankfurt/M., S. 63-80.

Schmale, G. (Hrsg.), (2010), Das Adjektiv im heutigen Deutsch. Syntax, Semantik, Pragmatik. Tübingen, Stauffenburg Verlag.

Słownik Łacińsko-Polski  (2007)  pod redakcją Mariana Plezi. 4 Bde,  Warszawa.

Zawadowski, L. (1966), Lingwistyczna teoria języka. Warszawa.

 

 

Anschrift des Verfassers:

Norbert Morciniec

Korzeniowskiego 1

55-120 Oborniki Śląskie

 

e-mail: nomor@uni.wroc.pl

 

 

[1] Zawadowski (1966:463 ff.)

[2] Słownik Łacińsko-Polski  (2007: Bd. 4, S. 299): "probo, -are  I. wystawiać na próbę, badać (z uwagi na rzetelność lub prawdziwość), oceniać."

[3]Helbig / Buscha  (2005: 273-279)  

[4] Helbig/Buscha (2005: 274, Anm. 1).

[5] Auf diese Tatsache hat bereits Jan Cygan hingewiesen (Cygan 1971:165 ff.).  Die daraus folgenden Konsequenzen hat Józef Darski beschrieben in (Darski 1979, 1984). 

[6] Morciniec (1989: 354)  

[7] nach  andere, wenige im Dat. Pl. auch wie nach Artikelwort: mit anderem gedrukt-en Material, mit wenigem gut-en Essen.

[8] So Helbig/Buscha (2005: 278)

[9] Brinkmann (1966: 206 ff.).  Ähnlich für das Polnische: Laskowski (1977: 323 ff.)